Danke. Erstmal.

Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in einer Schwitzhüttenzeremonie nach indianischer Tradition teilgenommen habe, war ich noch ziemlich überrascht über den Einstieg, der mit der Frage begann: „Wofür bist du dankbar?“

In den letzten 20 Jahren habe ich verschiedene Gruppenseminare besucht und an vielen – auch spirituellen – Veranstaltungen teilgenommen. Jede beginnt anders; die eine mit einer Vorstellungsrunde - die andere mit gegenseitigem Kennenlernen – und wieder andere mit einem Monolog zum Thema des Tages.

Die Schwitzhütte war im Worpsweder Moor und meine Stimmung war irgendwas zwischen traurig und aufgewühlt: Ich hatte einen Verlust zu bewältigen und dazu noch so viele Fragen und Gedanken im Kopf, die ich loswerden wollte... Während der Fahrt dorthin liefen meine Tränen in Strömen... Im Gruppenraum angekommen saß ich dann mit neun anderen Teilnehmern und der Schamanin auf Sitzkissen im Kreis. Alle Teilnehmer/innen hielten eine Tasse mit Tee in der Hand. Einige kannten sich schon und hatten sich viel zu erzählen und einige, so wie ich, waren neu und guckten nur. Dann wurde es ruhig.  Die Schamanin zündete Räucherwerk auf einem Teller an, begrüßte uns, gab kurze Hinweise zum Ablauf und  fing dann an zu trommeln. Trotz ihrer Heiserkeit stimmte sie in ein Lied ein. Dann reichte sie den Teller mit dem Räucherwerk mit der Frage  „Wofür bist du (heute) dankbar?“ herum. Im Uhrzeigersinn. Sie machte es vor: Dankbar darüber, dass sie noch Töne herausbringen konnte, obwohl ihre Stimme leicht angeschlagen war. Die beiden Teilnehmer, die vor mir saßen, folgten ihr: Dankbar sein für einfache Dinge, für die Anwesenheit, den Job, die verschwundenen Kopfschmerzen, den Traum der letzten Nacht oder das Gewesene…

Das Gedankenkarussel, mit dem ich hergefahren bin, stoppte für diesen Moment – und als ich dann an der Reihe war, fand ich in meinen Gedanken Menschen, Situationen und Dinge wieder, für die ich in dem Augenblick sehr dankbar war. Ich sprach es aus und es wurde leichter in mir. Aber es war nicht nur die Dankbarkeit allein, die diese Runde so heilsam erscheinen ließ. Sondern es war das gegenseitige Zuhören mit einer bedingungslosen Aufmerksamkeit. Jede/r für sich hatte so viel Zeit wie nötig war und jeder noch so kleine Gedanke bekam den nötigen Raum, gehört zu werden. Alle Menschen in dem Kreis hörten einander aufmerksam zu und niemand kommentierte, fragte nach oder gab seinen eigenen Senf dazu.

Dieses Schwitzhüttenwochenende war ein Schlüsselmoment für mich. Seitdem schaue ich, wenn mich etwas ärgert und wenn ich traurig bin, auch dahin, wo ich dankbar bin. Inzwischen kommt mir (meistens) ganz automatisch die Frage: „Wofür bin ich gerade dankbar?“ – und „Wofür könnte es im nachhinein hilfreich oder nützlich gewesen sein?“ Diese Gedanken bringen immer eine positive Wendung in einen Prozess. Auch wenn damit noch nicht die (manchmal auch quälenden) Themen des Lebens aufgelöst werden, so kommt doch durch den Fokus auf das, was jetzt schon gut ist, (wenigstens etwas) mehr Leichtigkeit ins Spiel. Meistens klappt es. Und immerhin: Dafür bin ich dankbar. Wenn es nicht klappt, dann bin ich ebenfalls dankbar, denn dann liegt noch Arbeit vor mir.

Ich bin dankbar für mein Leben und das Leben meiner Tochter. Aber auch für mein Haus, mein Auto, meine Arbeit und unsere Meerschweinchen. Dankbar bin ich aber auch für all meine schwachen Momente und für gescheiterte Projekte – und auch für meine Traurigkeit.

„Ausgesprochene Dankbarkeit erhöht das Gefühl der Zufriedenheit.“

Vor drei Jahren begann ich dann mit meiner Ausbildung „systemische Prozessgestaltung in der Natur“. An die erste Frage in der Runde kann ich mich nicht erinnern, aber die Sitzrunden am Feuer, die ungeteilte Aufmerksamkeit war auch dort ein elementarer Bestandteil der Arbeit. Auch Schweigen wurde gehört. Die Aufmerksamkeit und Kraft einer Gruppe ist besonders wirkungsvoll und mir besonders wichtig geworden. Das stelle ich nun immer wieder bei meinen Entschleunigungs-Wochenenden im Wald fest. Besonders da draußen bekommt die Kraft der Gruppe noch einmal eine besondere Bedeutung.

Wenn aber gerade niemand da ist, der/die sich meine Dankbarkeitsgedanken anhört? Dann denke ich es für mich durch. Und genauso wie einen Einkaufszettel notiere ich es mir. Wenn es besonders wichtig ist, bekommt es einen Platz an der Wand oder als Post-It-Nachricht am Bildschirm. Für die Dankbarkeit und Komplimente meiner Kunden habe ich eine extra Datei. Wenn ich mal einen doofen Tag habe, öffne ich diese Datei – und dann geht es gleich besser. Echt. Da bin ich dankbar für die Dankbarkeit meiner Kunden.

Wenn du gerade nicht weiß, wofür du dankbar sein könntest, frag mal ein Kind, wofür es (gerade) dankbar ist. Kinder haben auf diese Frage die originellsten Antworten. Im Sommer beim Waldläuferbande-Camp in Österreich sagte ein Junge: „Ich bin dankbar für das Heimweh, denn es zeigt uns, dass wir uns zu Hause wohl fühlen und unsere Familie lieb haben.“ Ein anderes Kind: „Ich bin dankbar für den Keks, den ich eben bekommen habe.“ Nicht ein einziges Mal übrigens habe ich von einem Kind da draußen gehört: Ich bin dankbar für mein Smartphone, meine Wii oder für das Fernsehen, aber das ist nur ein Gedanke am Rande… Die echte Dankbarkeit ist also zu jeder Zeit für noch so jede Kleinigkeit möglich. Und Kinder können das besonders gut.

Jetzt zum Jahresanfang ist eine gute Gelegenheit, sich einmal darauf zu besinnen, wofür ich dankbar bin. Und du? „Wofür bist du heute dankbar?“

Herzliche Grüße

Dagmar

Ps.: Wenn du einmal an einem meiner Entschleunigungs-Wochenenden teilnehmen willst, schau hier!